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Alles hat einen Anfang

geschrieben von Carsten Okkens (2016)

Jedes Projekt bedarf eines Keimes, so natürlich auch diese Reise. Dass Freund Kai und ich zusammen eine Radtour unternehmen wollen, ist soweit besiegelt. Aber wohin und wo lang? Treue Leser unserer Reiseblogs wissen vielleicht, dass ich gerne die von uns feilgebotenen Regionen mit dem Rad erkunde. Das hat den praktischen Wert, dass das Reiseerlebnis sowohl der Erkenntnis als auch der Freude dient. Irland, Schottland, Skandinavien, Baltikum? Die berühmte Qual der Wahl.

Aber wohin denn bloß?

Das Baltikum, Polen, so in diese Richtung denken wir dann. Als wir auf YouTube mal wieder ein paar Episoden von Wolfgang Faschings unfassbarer Nonstop-Tour von Wladiwostok nach St. Petersburg (10.000km in 21 Tagen!!!) sehen, sind wir urplötzlich angefixt: ein richtiges Ziel muss her, der Weg, das Unterwegs wird das Mittel zum Zweck. Wir entscheiden uns spontan für eine eine Tour von Hamburg nach Klaipeda in Litauen und schlagen ein.

Das Angenehme und das Praktische ...

Ok, ok... mit unseren ca. 1100 Kilometern in geplanten 12 Tagen ist unser Plan gegen die Tour von Wolfgang Fasching natürlich nur Fasching. Aber da meine Frau aus Litauen kommt und ich schon lange den Wunsch habe, einmal von Haustür zu Haustür zu meinen Schwiegereltern zu radeln, ist der Plan perfekt.  Und da die beiden in Klaipeda wohnen und von dort jeden Tag eine Fähre nach Kiel fährt, ist es - neben der Motivation - für eine günstige Heimfahrt auch noch ein ausgesprochen praktisches Ziel.

Ermunterung ...

Unser kleines Radel-Projekt wird im Vorfeld von Freunden und Kollegen mit aufmunternden Worten wie „Ihr seid ja irre!“ oder auch einfühlsamer „Ihr habt sie ja nicht mehr alle...“ begleitet. Mental derart gestärkt sehen wir nun praktisch alle Befürchtungen wie weggefegt und machen uns auf den Weg...

Der Start ...

Der Start
Wegweiser in Ratzeburg

Ein Sonntagnachmittag soll als Start dienen. So können wir uns standesgemäß dem frenetischen Jubel der Menge stellen (also unsere Frauen sagen „Tschüss, fahrt vorsichtig...“) und Richtung Ratzeburg starten. Das liegt ja schon praktisch auf dem Weg nach Klaipeda, meine Schwester wohnt dort und die ersten 60km lassen sich locker am späten Nachmittag abspulen. Der Anfang ist gemacht.

Erste Erfahrungen ...

Einsame Wege in Mecklenburg-Vorpommern

Da wir die Einroll-Etappe nach Ratzeburg im Sauseschritt erledigen, sehen wir uns in Gedanken praktisch schon in wenigen Tagen triumphierend vor den Toren Klaipedas anrollen. Aber da hatten wir die Rechnung ohne die Nebenstraßen Mecklenburg-Vorpommerns (und Polens) gemacht. Demut ist nun angesagt. Und manchmal schieben. Na, trotzdem erreichen wir wie geplant die Hansestädte Wismar und schließlich unser Tagesziel Rostock. Und zugegeben, die meisten Strecken sind wirklich schön und gut fahrbar. Unterwegs statten wir noch dem stolzen Dom von Bad Doberan einen Besuch ab und mehr als einmal haben wir unterwegs in der Einsamkeit Mecklenburg-Vorpommerns das Gefühl, am Ende der Welt zu sein. Schon mal in Manderow gewesen?

Glück muss man haben ...

Grimmen
Hansestadt Greifswald

Schon gestern blies eine außerordentlich steife Brise. Zu unserem großen Glück aber in die richtige Richtung: nach Osten! Und so setzen wir dann auch unsere mitleidvollsten Minen auf, wenn uns Radler in gebückter Haltung und erkennbar angestrengt entgegen kommen. Etwas vorgewarnt von der Wegbeschaffenheit des Vortages, richteten wir uns eher an größeren Landstraßen aus, die meist auf guten Radwegen zu befahren sind. So kommen wir zügig voran, durchradeln das Recknitztal und erreichen um die A20 mäandernd das hübsche Grimmen und schließlich Greifswald. Ich gebe zu, so schön haben wir uns die alte Hansestadt nicht vorgestellt. Besonders der alte Markt und das knallrote Rathaus haben es uns angetan. Da noch ein wenig Energie im Tank war, beschließen wir weiterzufahren und landen  schließlich in Gahlkow am Greifswalder Bodden.

Von Raketen, Minen und Geschwadern...

Usedom
Grenzübergang

Um uns auf dem Weg nach Usedom den Umweg über Wolgast zu sparen, steuern wir die kleine Fähre von Freest nach Peenemünde an. Und so bringt uns die stolze Apollo I bei bestem Sonnenschein zum einstigen Größenwahnprojekts des Dritten Reiches. Hier wurde also die berüchtigte V2-Rakete entwickelt und auf Ziele in England gelenkt. Eine Besichtigung der alten Anlage ist so spannend wie verstörend! Die folgende waldgesäumte Strecke könnte so idyllisch sein, würden nicht überall Schilder auf die Minengefahr hinweisen. So wirkt hier die Vergangenheit des Weltkrieges bis heute nach. Die Sorgenfalten werden aber alsbald vom Anblick des herrlichen Strandes auf Usedom geglättet und hinter Bansin, Heringsdorf und Ahlbek rollen wir auf einem Rad- und Wanderweg erster Güte über die deutsch-polnische Grenze. Im alten Ostseebad Swinemünde (Swinoujscie) ist heute richtig viel los und Einheimische wie Urlauber genießen das schöne Sommerwetter. Eine Autofähre bringt uns über die Swine und zunächst geht es auf belebter Strecke weiter ostwärts, als uns unser Navi nun unvermittelt über grün umwucherte Bahngleise (ohne Bahnübergang) in den Wald führen will. Als wir noch zweifelnd an den Gleisen stehen, starten plötzlich gefühlte tausend Geschwader außerordentlich beißwütiger Mücken aus dem Gestrüpp. Keine Zeit zum Nachdenken! „Los, fahr!!“, so mein etwas ruppiger Aufruf an den verzweifelt fuchtelnden Kai. Und tatsächlich können wir rasch den wilden Fliegern entwischen, von denen einige allerdings als Kamikaze ihr Leben lassen müssen (patsch!). Leider ist es in unserem Tagesziel kaum besser. Das Städtchen Misdroy (Miedzyzdroje) empfängt uns zwar mit einem wunderbaren Sommerabend, an draußen sitzen ist hier ob der reichlich anwesenden kleinen Mistviecher aber nicht zu denken.

Nach Osten ...

Idylle pur am Ostseeküstenradweg
Typischer Begleiter

Holla! Die ersten Meter unserer nächsten Etappe haben es mit unerwarteten Steigungen und einigem Auf und Ab gleich einmal in sich! Mit unseren kalten Beinen sind wir gerade dankbar, dass wir nicht die Rennräder genommen haben. Das hätte bei dem Gekrieche sonst einen peinlichen Image-Schaden geben können. Jetzt nur nichts anmerken lassen, tralala ... Aber schon bald führt uns der Ostseeküstenradweg auch tatsächlich wieder an die Ostsee. Und obwohl ich schon manchesmal hörte, dass die Wegbeschaffenheit oft schwierig sein soll, ist die Strecke doch weitgehend angenehm. Immer wieder durchrollen wir Badeorte wie z.B.  Rewal oder Niechorze (Horst). Eine wunderbare Route, abwechslungsreich, oft schattig und immer dicht an der See. Nur im Raum der Ortschaften sind manchmal so viele Fußgänger und Radler unterwegs, dass wir uns konzentriert  durchzirkeln müssen. Unsere erste größere Station ist Kolberg (Kolobrzeg). Im Zentrum wird hier eine militärische Feier gehalten. Wir denken an eine Art Aufnahmeprozedur, aber dann wurde uns gewahr, dass wir den 01. September haben und das es eine Gedenkveranstaltung zum Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen ist. Gut, Tarnkappe auf und weiter ... Immer noch schnurstracks der Ostsee folgend schlagen wir unser Nachtquartier in Großmöllen (Mielno) auf. Ein schöner Tag. Mielno selbst ist eines dieser beliebten Ostseebäder Polens, die für unseren Geschmack doch ungewohnt bunt wirken. Fliegende Saisonhändler in Zelten, Spielautomaten, buntes Flackerlicht. Und immer wieder dieser fantastische Ostseestrand ...

Von Teewurst, Schokoladenkuchen und Leuchttürmen ...

Rügenwalde
Holzkunst in Schmolsin

Hinter Mielno schlängelt sich der Ostseeküstenradweg meist mit etwas Distanz zur See ostwärts. Ein erster schöner Stop ist das Dorf Ebentin (Eventin) mit einer wunderbaren Dorfkirche aus dem 14. Jahrhundert (leider verschlossen). Nächste Station: Darlowo, vielen aus der Werbung als Rügenwalde bekannt. Tatsächlich stammt der Hersteller der berühmten Teewurst von hier. Eine Denkmalplakette markiert das kleine Haus im Stadtzentrum. Überhaupt ist es interessant und hübsch hier: das Rügenwalder Schloss, der Markplatz, die Marienkirche aus dem 14. Jahrhundert. Und doch lockt uns zunächst ein wichtiger Radlerstop anderer Art: ein Cafe. Überhaupt, die Polen haben eine wunderbare Cafehaus-Kultur. Zu allen Tageszeiten gibt es eine überwältigende Kuchenauswahl. Einer leckerer ausschauend als der andere. Hm, dieser Schoko-Kuchen! Mit ausreichend Energie angefüllt rollen wir durch das alte Stadttor aus Rügenwalde und kommen auf meist einsamen Nebenstrecken nach Stolpmünde (Ustka). Hier werden Ausfahrten auf verschiedenen Schiffen angeboten, vom modernen Ausflugsboot bis zum stilisierten Hansekoggen-Nachbau. Ein Blick auf den hübschen Leuchtturm (ständige Begleiter an der polnischen Ostseeküste), den Strand und weiter geht‘s. Bereits in Kaschubien erreichen wir unser Nachtquartier in Schmolsin (Smoldzino). Das Quartier ist zum ersten Mal etwas einfacher und findet nicht unsere ungeteilte Begeisterung. Aber so ist das manchmal. Erinnert mich ein wenig an das Baltikum in den Neunzigern. Im Ort befindet sich ein gern besuchtes Museum des Slowinski-Nationalparks. Die Wegbeschaffenheit hatte heute alle erdenklichen Varianten parat. Von seichtem Rollen bis zu trialähnlichen Einlagen war alles dabei. Und Kai dankbar für seine Federgabel ... 

Römer, Hügel und Patrizierhäuser

Römer in Lauenburg
Hübsche Fassaden in Lauenburg

Die Erkenntnis ist schmerzhaft, aber es hilft nichts: wir müssen den Ostseeküstenradweg heute verlassen um unseren Zeitplan einzuhalten. Und so geht es südostwärts, Richtung Danzig. Durch verschlafene Dörflein und über alte Alleen erreichen wir Lauenburg (Lebork). Wieder eine Überraschung! Am Zugang zur Altstadt halten als Römer verkleidete Darsteller Reden (von denen wir natürlich kein Wort verstehen), begrüßen Passanten (so auch uns) und verteilen kleine Metallfrösche als Glücksbringer. Der genaue Hintergrund bleibt uns verborgen, aber wir werden aus der prachtvollen Obstschale noch mit Äpfeln versorgt. Apropos ... wo gibt‘s den nächsten Schoko-Kuchen? Neben Resten der Stadtmauer und der St. Jakobi-Kirche aus der Ordensritterzeit erstaunen uns vor allem die prachtvollen Fassaden der Bürgerhäuser mit ihren glasierten Klinkerziegeln. Und hinter Lauenburg tauchen wir dann in die Kaschubische Schweiz ein. Eindeutige Kennzeichen sind schwerer Atem und Hitzewallungen. Die Hügel haben es in sich! Dass die Kaschuben eine eigene Sprache sprechen, sieht man an der Beschilderung: die Wegweiser und Ortsschilder sind hier zweisprachig. Allerdings wirken die Unterschiede auf uns doch manchmal sehr marginal.
Das wir uns Danzig nähern, zeigt sich später am zunehmenden Verkehr. Überhaupt erleben wir, dass das Radfahren im Umfeld der Städte aufgrund des starken Verkehrs oft nerviger ist als in den Städten selbst. So auch in Danzig, wo erstaunlich gute Radwege die Hauptstraßen begleiten. Am frühen Abend stehen wir dann in der berühmten Hansestadt. Kais spontanem Ausruf „Das ist die schönste Stadt, die ich je gesehen habe!“ widerspreche ich nicht.

Von Flüssen und GPS-Irrwegen ...

Regnerisches Danzig
GPS-Irrtum an der Motlau

Regen! Trotzdem schauen wir uns die „schönste Stadt, die ich je gesehen habe“ noch ein wenig an. Das alte Rathaus (heute Museum) ist eine hochspannende und trockene Zuflucht. Der Regen will nicht aufhören und - es hilft ja nichts - wir wollen und müssen los. Heute soll es nach Elbing (Elblag) gehen, also nicht allzu weit. Der Weg aus Danzig heraus ist erfreulich unkompliziert, die Weichsel wird mit einer Fähre überquert. Das Warten im Regen vor und auf der Fähre lässt uns mächtig auskühlen und so sind wir froh, als wir uns wieder auf den Rädern bewegen können. Wir mäandern in Schlangenlinien aber auf ruhigen Straßen jeglichen Oberflächenzustandes in Richtung Elbing. Treu dem Navi folgend rollen wir auf die Nogat zu. Die ist hier beeindruckend breit, nur leider ist weder eine Brücke noch eine Fähre in Sicht. Es regnet übrigens immer noch. Und uns ist kalt! Dann also der Nase (und der Karte) nach. Bald darauf - obwohl die immer schmaler werdende Piste wenig verheißungsvoll aussah - werden wir - Heureka! - mit einer Brücke belohnt. In Elbing (immer noch Regen) empfängt uns eine Art Jahrmarkt mit großer Bühne und Tamtam. Wunderbar! Erstmal einen heißen Kaffee und ein leckeres Stück Kuchen auf die fröstelnde Faust. Das Leben kann so schön sein.   

Von Schiffen auf Schienen und langen Pendeln ...

Cadinnen, ehemaliges Gestüt von Wilhelm II.
Frauenburg

In Elbing starten die kleinen Schiffchen des Oberlandkanals. Ein großartiges Erlebnis, bei dem die Schiffe nicht durch Schleusen sondern über sogenannte geneigte Ebenen auf Schienen über Land gezogen werden. Tolle Sache, dauert aber ca. 5 Stunden und die Richtung wäre heute auch falsch. Also muss ein Blick auf die Schiffchen am Anleger reichen. Immer in der Nähe des Frischen Haffs geht es über hügeliges Geläuf zunächst nach Cadinnen (Kadiny). Wilhelm II. ließ hier einst sein Gestüt errichten. Heute ist das inzwischen Pferdelose Gestüt ein Country-Hotel. Überhaupt sieht hier alles wie vor hundert Jahren aus, aber sehr gepflegt. Wer hätte es gewusst: In Cadinnen wurden die Zierkacheln für den alten Hamburger Elbtunnel hergestellt. Ebenso das Wilhelm II. - Porträt, dass heute wieder im Hotel Atlantik freigelegt und zu bewundern ist. Tolkemit (Tolkmicko) ist die nächste Station am Frischen Haff. Mit schöner Pfarrkirche aus dem 14. Jahrhundert und einem dekorativen, aber stillgelegten Bahnhof. Dann kommt Frauenburg (Frombork). Hoch über allem thront hier die Festung mit der Bischofsburg. Neben der Domkirche lohnt auch ein Besuch des Kopernikusturms. Hier beeindruckt das Foucaultische Pendel ebenso wie der grandiose Ausblick auf die Stadt über das Haff bis hin zur Frischen Nehrung. Schwer beeindruckt räumen wir das Feld und erreichen Braunsberg (Braniewo), wo wie in einem Hotel mit leichtem „Shabby-Charme“ unser Quartier beziehen. Viel Historisches ist in der alten Hansestadt nicht zu entdecken. Die Katharinenkirche vielleicht, die Reste der Ordensburg sind in moderneren Gebäuden integriert. Braunsberg wurde im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört und konnte sich wegen der Grenzlage zur Sowjetunion und später zum russischen Kaliningrader Gebiet wohl nur schwer erholen. Ein kurzer Bummel zum nächsten Restaurant tut‘s also.

Eintritt in eine andere Welt ...

Russland erreicht
Königsberg mit Platz des Sieges und Nordbahnhof
Weniger tolle Strassen im Kalinigrader Gebiet
Tolle Strassen im Kalinigrader Gebiet

Der Frühstücksraum im überheizten Gewölbekeller macht den Aufbruch nicht schwer. Ein letzter Verpflegungseinkauf für den Tag (denn in der russischen Enklave sind Einkehr und Einkaufsmöglichkeiten bis Kaliningrad rar gesät) und los gehts. Gut 10 Kilometer geradeaus und schon stehen wir an der polnisch-russischen Grenze. Zu unserem großen Erstaunen ist hier nichts los und außer uns ist nur noch ein deutscher Pkw in der Abfertigung. Entsprechend schnell sind wir durch und nach nicht einmal zwanzig Minuten stehen wir auf dem Boden des russischen Kaliningradska Oblast, des einstigen nördlichen Ostpreußens.

Schon der Grenzort Heiligenbeil (Mamonowo) steht im großen Kontrast zu den bisherigen Orten auf der polnischen Seite. Eine gewisse Tristesse ist nicht zu leugnen. Unkundige würden jetzt geradeaus auf der Hauptstraße nach Kaliningrad fahren, aber ich kenne ja zum Glück einen besseren Weg (den wir natürlich auch unseren Reisegästen vorgeben :-). Gleich im Ort zwacken wir rechts ab und fahren parallel und seeeehr nah zur Grenze auf einer alten ostpreußischen Allee quer durch zur alten Reichsstraße 1. Diese Schotterstrecke ist nicht mal in den Karten verzeichnet. Und es ist unbedingt eine Grenzsamtsgenehmigung erforderlich! Wehe dem, der hier im Sperrgebiet einer Patrouille ohne „Propusk“ in die Arme läuft. Die alte Reichsstraße überqueren wir und fahren auf kleinsten, aber gut fahrbaren Strecken Richtung Norden. In Zinten (Kornewo) scheint die Zeit irgendwie direkt nach dem Krieg stehengeblieben zu sein. Das Haus neben dem Denkmal an den Großen Vaterländischen Krieg (so heisst der 2. Weltkrieg hier in Russland) weisst noch unzählige Einschusslöcher auf, ebenso wie die Ruine der alten Mühle. Hinter dem gepflegten und strahlenden Denkmal ragt schüchtern der Stumpf des Kirchturms der verfallenen Ordenskirche in die Höhe.

Jetzt wollen wir eine Strecke ausprobieren, die ich noch nicht kenne. So könnte man vielleicht einen Abschnitt auf der Hauptstraße umgehen (der aber wegen des Seitenstreifens gut fahrbar ist). Die anfängliche Begeisterung weicht bald der Ernüchterung, als sich nämlich die nun notwendige Quertrasse als matschig-lehmige Strecke entpuppt. Nicht genug, dass das Fahren hier mühsam ist, fallen auch noch Trilliarden von unbekannten Flugobjekten über uns her. Die tun zwar nix, kriechen aber gefühlt überall hin und ich muss mir von Kai eine Brille zum Schutz der Augen borgen. Unter dem Matsch und Lehm lugt hier und da das alte Kopfsteinpflaster durch. Bald hat die Natur die einstige Straße wohl vollends verschluckt. Vorbei an einer riesigen Kiesgrube und im Slalom durch die dazugehörigen LKWs gelangen wir wieder in die Zivilisation und sind wieder auf Kurs Kaliningrad. Erwartungsgemäß nimmt der Verkehr nahe der Stadt zu, ist dennoch gut zu meistern. Kai rollt als erster durch das Brandenburger Tor, das von den alten Stadttoren das einzige ist, das heute noch durchfahren werden kann.

Auf dem bald erreichten Leninskij-Prospekt tobt der Verkehr wie gewohnt, die alte Börse am Pregel strahlt im Sonnenschein und bald darauf lassen wir uns in einem Cafe mit Blick auf den Königsberger Dom mit herrlichem Kuchen und allerbestem Kaffee versorgen. Wenn ich noch an meine ersten Reisen nach Königsberg denke (zuerst 1993) ... was für ein Unterschied!

Der Dom muss natürlich in Augenschein genommen werden. Einsam steht er heute auf der Kneiphofinsel. Einst war es ein eigener, dicht bebauter Stadtteil. Heute steht hier nur noch der restaurierte Dom und der Rest ist ein erhöht liegender Park (darunter befindet sich der zusammengeschobene Schutt des Kneiphofs).

Eine kleine Anekdote zum Check-in im Hotel Kaliningrad sorgt noch für verwunderte Erheiterung. Der Parkplatz befindet sich hinter dem Hotel, einen Zugang gibt 20 Meter von der Rezeption entfernt. Aber die nette junge Dame gestattet uns nicht unsere Fahrräder durch die Hotellobby zu schieben (sie hat sicher Sorge, dass ihr Chef das sehen und übel nehmen könnte). So müssen wir - wie die Autofahrer - dem Lageplan folgend einmal tüchtig um den Pudding. Macht nix. Als wir uns kurz im Weg vertun, sehen wir eine ältere Dame stürzen, der wir dann wieder auf die Beine helfen können. So war der Umweg doch zu etwas nütze. Würde die nette junge Hotelkraft die unmittelbare Hotelumgebung besser kennen, hätte sie uns auch auf den Torbogen hinweisen können, der direkt neben dem Hotel den Weg zum Parkplatz erheblich abgekürzt hätte. 

Am Abend unternehmen wir einen ausgedehnten Spaziergang. Zum Hansaplatz, der heute Platz des Sieges heisst, zum Wrangelturm und weiter am Ufer des Schlossteichs zum riesigen Haus der Räte (das Anfang der siebziger Jahre an den Ort des alten Schlosses gestellt wurde und wegen eines abgesackten Fundaments nie bezogen werden konnte). Eine gemütliches Abendessen beschließt den Tag.

Alter Bäderglanz und Dünen ...

Promenade in Cranz
Sarkau, hier mussten wir einfach baden
Denkmal in Pillkoppen

Eine Kundin wies mich darauf hin, dass es beim Verkehrsbüro eine Karte mit tollen (besseren) Radrouten gäbe. Das war mir neu und so musste ich dort zuerst hin. Die Karte erwies sich dann aber doch als alt (die kannte ich doch schon) und die Routenvorschläge als völlig unbrauchbar.

Dennoch wollen Kai und ich einen neuen Weg nach Cranz ausprobieren. Resultat: Es bleibt für unsere Reisegäste aber doch alles beim alten. Die erprobte Strecke war teilweise von mörderischem Verkehr geprägt, dem man auf den alten Alleen auch schlecht ausweichen kann. Wieder ein wenig klüger ...

Cranz (Selenogradsk) hat sich kräftig herausgeputzt und die neue Promenade lädt zum Bummeln ein. Bei strahlendem Sonnenschein wird mit Blick auf die blaue Ostsee wieder ein leckeres Stück Kuchen verspeist.

Nun geht es auf die Kurische Nehrung. Nachdem wir die Nationalparkgebühr entrichtet haben, rollen wir - von sehr mäßigem Verkehr begleitet - Richtung Norden. Die Kurische Nehrung ist eine knapp 100 Kilometer lange Halbinsel, die die Ostsee vom Kurischen Haff trennt. An ihrer schmalsten Stelle ist sie nur ca. 300 m breit, an der breitesten gut 4,5 km.

In Sarkau (Lesnoje) ist der Strand so verlockend, dass wir einem Bad in der kühlen Ostsee nicht widerstehen können. Herrlich erfrischend! In Rossitten (Rybatschij) versuchen wir bei einem späten und leckeren Mittagessen unsere restlichen Rubel auf den Kopf zu hauen, was aber nur teilweise gelingt.

Es folgt eine kurze Runde durch Pillkoppen (Morskoe) - hier konnte die riesige Wanderdüne vor etwas über 100 Jahren direkt vor dem Ort gestoppt werden. Heute liegt sie als bewachsener Berg unmittelbar am Ortsrand und lässt die einstige Bedrohung nur erahnen.

In der Mitte der Nehrung ist die russisch-litauische Grenze erreicht. Auch hier ist wenig los und so dauert die Einreise nach Litauen wieder kaum 20 Minuten.

In Nida (Nidden) am Kurischen Haff beziehen wir unser Quartier. Abendessen, Bummel am Haff, und in herrlicher Abendluft draußen ein Abschluss-Weinchen mit typisch litauischen Leckereien wie geröstetem Knoblauchbrot mit Käse. Hmmmm....  Morgen geht es auf die Abschluss-Etappe. Vorfreude und Wehmut halten sich in etwa die Waage.

Der Empfang ...

Nieselwetter in Nida
Glückliche Ankunft in Klaipeda

Morgens begleitet leichter Nieselregen unseren Rundgang durch Nida. Die alten hölzernen Fischerhäuschen sind mit ihrem leuchtenden Anstrichen immer wieder ein Augenschmaus. Der Blick auf die Hohe Düne beeindruckt wie eh und je, doch es heisst nun Abschied nehmen.

Durch duftende Kiefern- und Birkenwälder führt der Ostseeküstenradweg mal ans Haff, mal an die Ostsee. In Schwarzort (Juodkrante) stärken wir uns mit einer hiesigen kalten Rote-Beete-Suppe und natürlich mit Knobibrot bevor uns von Sandkrug (Smiltyne) eine kleine Fähre in die Stadt Klaipeda (Memel) bringt. Das Ziel ist erreicht, große Freude über das Geschaffte und Erlebte! Ein Abstecher zum Theaterplatz mit dem Ännchen-von-Tharau-Brunnen, ein letzter leckerer Kuchen am Ufer der Dange und auf geht es zum Ziel der Reise: Meinen Schwiegereltern. Mit großem Hallo werden wir beide als Helden der Landstraße empfangen. Es ist - wie immer - reichlich aufgetischt und ein wunderbarer Abend beschließt eine ebenso wunderbare Tour und Erfahrung. Und ich bin endlich von „Haustür zur Haustür“ zu meinen Schwiegereltern gefahren!

Dicker Fuß und dicke Pötte ...

Alter Speicher in Klaipeda
Abschied von Klaipeda

Am Vorabend hat Kai nach dem Duschen noch versucht, den Weg auf der Treppe erheblich abzukürzen und ein paar Stufen zusammengefasst. Das Ergebnis ist ein angeschwollener und schmerzender Fuß. Perfektes Timing! Zum Glück müssen wir nun ja keine großen Wege mehr fahren. Wieder bei herrlichem Sonnenschein erkunden wir zusammen mit meinen Schwiegereltern die Altstadt. Am frühen Abend ist es dann Zeit. Großer Abschied, einmal noch 18 Kilometer durch die ganze Stadt zum Fährhafen und Einschiffung nach Kiel. Ein letztes litauisches Bierchen an Deck während wir an anderen Schiffen vorbei und aus der Stadt heraus gleiten. Morgen sind wir wieder in Kiel und in Gedanken schmieden wir schon Pläne, wohin wir von hier aus im nächsten Jahr weiterfahren ...  

Etappenlängen

01. Hamburg - Ratzeburg:     65 km
02. Ratzeburg - Rostock:        136 km
03. Rostock - Gahlkow:        112 km
04. Gahlkow - Misdroy:        88 km
05. Misdroy - Mielno:       125
06. Mielno - Schmolsin:        117 km
07. Schmolsin - Danzig:        133 km
08. Danzig - Elbing:            74 km
09. Elbing - Braunsberg:        57 km
10. Braunsberg - Königsberg:    88 km
11.Königsberg - Nidden:        103 km
12. Nidden - Klaipeda:        63 km           

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